Die Lebenssituation älterer Lesben sichtbar machen

Seit 2004 arbeitet ein Netzwerk von Expertinnen  zum Thema lesbisches Altern. Auf dessen 5. bundesweiter Fachtagung wurde im November 2009 der Dachverband Lesben und Alter gegründet. Vertreterinnen von Lesbeninitiativen, Lesben- und Schwulenberatungszentren, frauen-spezifischen Einrichtungen sowie Fachfrauen prägen das Arbeitsfeld entscheidend mit und sorgen für den Praxisbezug.

Lebenslagen wahrnehmen

Ältere und alte lesbische Frauen werden im Bewusstsein der breiten Bevölkerung bisher nicht als gesellschaftliche Gruppe wahrgenommen. Dabei leben in Deutschland mindestens 500.000 lesbische Frauen, die 65 Jahre und älter sind. Einerseits Teil der homosexuellen Minderheit, machen sie oft die Erfahrung, dass sie von anderen nicht so wahrgenommen werden, wie es ihrer Realität entspricht. Als Frauen erleben sie andererseits, dass Männlichkeit und Weiblichkeit gesellschaftlich immer noch unterschiedlich bewertet werden: Die öffentliche Wahrnehmung ist immer noch in erster Linie auf Männer gerichtet.

Derzeit fehlt eine an den Interessen lesbischer Frauen orientierte Seniorinnenpolitik, die die Lebenslage von Lesben im Alter verbessert, um so ihre Teilhabe an der Gesellschaft zu stärken. Deshalb macht sich der Dachverband Lesben und Alter für die Interessen älterer Lesben stark. Dabei stehen aktuell folgende Themen im Fokus:

  • die materielle Ausstattung älterer und alter lesbische Frauen
  • eine Pflege, die Lesben und ihre Lebensformen respektiert.

Die materielle Ausstattung verbessern

Altersarmut ist zunächst kein spezifisch lesbisches Thema, sondern betrifft Frauen im Allgemeinen. Dem 1. Gleichstellungsbericht zufolge arbeiten noch immer 70 Prozent der Frauen in schlechter bezahlten Frauenberufen und 70 Prozent der Männer in Männerberufen. Statistisch gesehen verdienen Frauen deshalb 22 Prozent weniger als Männer. Diese Ungleichheit setzt sich in der Rente fort: Die Einkommenslücke im Lebenserwerbseinkommens der Geschlechter beträgt 58 Prozent – zuungunsten von Frauen.

Zeiten vom Kindererziehung und/oder Elternpflege wirken sich  ebenfalls mindernd auf die Rente aus. Der Statistik zufolge bekommen Frauen 60 Prozent weniger Rente als Männer, bei 63 Prozent der Frauen liegt die Rente unter 650 Euro. Diesen Unterschied können heterosexuelle Frauen durch eine Heirat mit einem besser verdienenden Mann wettmachen. Zum einen führt das Ehegattensplitting im Einkommenssteuerrecht zu einer Privilegierung von unterschiedlich verdienenden Ehepaaren. Zum zweiten ist die soziale Sicherung im Alter nach wie vor über die Ehe angelegt, so der 1. Gleichstellungsbericht: „Frauen, die – nach dem Tod ihres Ehemannes – eine eigene Rente mit einer Hinterbliebenenrente kumulieren, erzielen die höchsten Renteneinkommen und erreichen etwa ein Renteneinkommen, das mit dem von Männern vergleichbar ist.“

Deshalb muss die materielle Ausstattung älterer und alter lesbischer Frauen verbessert werden:

  • Die gesetzliche Alterssicherung muss weibliche Erwerbsbiografien und unterschiedliche Lebensmodelle berücksichtigen, statt sich weiter am Modell des erwerbstätigen (männlichen) Erwachsenen auszurichten.
  • Das Ehegattensplitting im Einkommensteuerrecht muss abgeschafft werden, um unterschiedliche Lebensweisen gleichberechtigt zu behandeln.

Kultursensible Pflege – in Würde altern

Seit den 1980er Jahren sind Lesben selbstbewusster geworden, was ihre Lebensformen und ihre Erfahrungen betrifft. Dieses gewachsene Selbstverständnis stellt in zunehmendem Maße auch Anforderungen an die Altenhilfe und ihre Einrichtungen, die darauf nicht vorbereitet sind und mit Überforderung oder Ignoranz reagieren.

Viele alte Lesben verstecken sich aufgrund massiver Diskriminierungserfahrungen nach außen. Die heute alten und hochaltrigen Lesben waren aufgrund ihrer Lebensweise in jungen Jahren permanent bedroht, galten als psychisch krank und haben unter Umständen in Gesundheitsorganisationen Gewalt erfahren. Viele haben ihre sexuelle Orientierung geheim gehalten. Diese Erfahrungen wirken bis ins hohe Alter hinein.

Wer sich im vertrauten Umfeld öffnen kann/möchte, macht im Senior*innenheim häufig die Erfahrung, dass sie entweder nicht als Frauen liebend wahrgenommen, aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert oder nicht ernst genommen werden. Das gilt für weltliche Träger genauso wie für kirchliche. Ausschlag gebend ist immer, welche Haltung die Heimleitung hat, aber auch das Pflegepersonal vor Ort.

Kultursensible Pflege für Lesben muss lesbische Lebensformen und Erfahrungen berücksichtigen. Ältere, pflegebedürftige Lesben sollen gut und gesund altern dürfen sowie weiter ihre Identität leben und entfalten dürfen. Deshalb muss kultursensible Pflege

  • den Einfluss der sexuellen Identität auf die Gesundheit berücksichtigen und
  • die Lebensrealität von älteren und hochaltrigen Lesben erkennen und anerkennen.

Artikel vorlesen